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Aktuelles

Das Glück des Lebens

Frankreich sieht Kinder als Versprechen der Zukunft und Hoffnung der Nation. In Deutschland zählen Kinder hauptsächlich als Rechenfaktor, zuerst als schreiende Störung, dann als Kostenmacher, später als hoffnungslos überforderte Rentenzahler. Kein Wunder, dass in deutschen Landen Kinder sich rarmachen und die Erkenntnisse der Demografie die Menschen beunruhigen, wenn sie an das Morgen denken.

Die Politik sucht zu sparen, wo immer es am wenigsten wehtut, denn es gibt immer mehr Alte als Junge. Die Alten wählen, die Jungen nicht. Die können sich nicht einmal gegen die Hypotheken wehren, die auf ihren Namen aufgenommen und verkostet werden. Kinder haben keine Lobby. Zwar geht viel Geld, mehr als je zuvor, in Kinderbetreuung, Ausbildung und Bildung. Trotzdem meldet die Statistik - von dem winzigen Anstieg 2010 einmal abgesehen -, dass noch nie so wenig Kinder in Deutschland geboren wurden wie gegenwärtig. Zugleich aber ist in den Armutszonen der Welt, vom Höllenloch Gaza über den Jemen bis zu den Slums von Bombay, eine Bevölkerungsexplosion in Gang, wie die Geschichte sie noch nicht gesehen hat. Was man den "arabischen Frühling" nennt, ist in Wahrheit die Ernte einer seit einem halben Jahrhundert jedes Gleichgewicht sprengenden Bevölkerungsvermehrung der arabischen Welt. Wie lange geht das gut?

Die Antwort, so traurig wie bedrohlich, verstecken die meisten Staaten Westeuropas vor sich selbst. Es brauchte ein Gerichtsurteil, um durchzusetzen, dass das natürliche Lärmen von Kindern in der Nachbarschaft - wir sprechen nicht vom dröhnenden Hämmern fortgeschrittener Gartenpartys - hinzunehmen ist und nicht griesgrämigen Charakteren als Beschwerdegrund dienen kann.

Schwangerschaft als Kostenfaktor

Das aber ist nur Symptom einer opportunistischen, vergreisenden Stimmungslage, auf die sich Politiker und Wähler längst stillschweigend geeinigt haben. Wie weit ist es gekommen in einem reichen Lande, wenn von Kindern immer nur als Faktor im Renten- und Rechenspiel der Sozialpolitiker die Rede ist, die doch selten durch Imagination, Gefühlsstärke oder Zukunftsperspektive auffallen? Dazu kommt, dass für die meisten Frauen - "im gebärfähigen Alter", wie es abschreckend technokratisch heißt - Kinder und Karriere sich tatsächlich schlecht aufeinander reimen und, wenn eine Frau "gesegneten Leibes" daherkommt, wie die Altvorderen sagten, die Personalabteilung zuerst einmal die Kosten sieht und nach einer diskreten Form der Vertragsauflösung sucht: Ausnahmen bestätigen die Regel. Familien mit Kindern haben es notorisch schwerer als unbeschwerte junge Paare, eine Wohnung zu finden: Nicht, dass man etwas gegen Kinder hätte, aber, wissen Sie, der Lärm, die Unruhe, der Kinderwagen im Flur etc. etc.

Der Jugend- und Egokult der öffentlichen Diskurse, ob unter Dreißigjährigen oder unter Siebzigjährigen, bezieht sich immer nur auf die gegenwärtige Generation, nicht auf künftige, so als werde demnächst die Zeit stehen bleiben und alles Altern aufhören. Auch Glamour ist, wenngleich der Boulevard sich redlich Mühe gibt, weibliche Stars, Promis und Halbpromis im Zustand fortgeschrittener Schwangerschaft zu zeigen, mit Mutterfreuden nicht leicht zu verbinden. Und wo wäre das Lob der Vaterfreuden, gar der Großmutter- und Großvaterfreuden? Die einst die 68er waren und keinem über 30 trauten, gehen einem einsamen Herbst entgegen. Vorbei die Zeit der Pille, des Rundumflirts und der technischen Unverbindlichkeit. Die Entscheidung für Kinder bedeutet unweigerlich, Verantwortung zu übernehmen für mehr als das eigene Leben. Das ist ein ernster Schritt und ohne Kündigungsklausel, und zudem ein Zeichen, dass der süße Vogel Jugend dabei ist, vom Dach zu fallen. Aber er verspricht auch emotionalen Reichtum, bewusstes Leben, erfüllte Zeit - und manchmal mehr von Letzterer, als den Beteiligten lieb ist.

Alt werden ohne Kinder, ohne Enkel? Die Konsumenten der Pille sind die erste Generation, der solches bevorsteht. Es ist schon seltsam, dass gerade die kollektiv alternde Gesellschaft noch immer so tut, als sei man ewig 30. Auch Bluejeans und noch so viele kosmetische Operationen, ob an weiblichen oder männlichen Gesichtern und umliegenden Gegenden vollzogen, halten die Uhren nicht an. Es ist der Sinn für die Flüchtigkeit des Daseins abhandengekommen und, um den großen Seelenkenner William Shakespeare zu zitieren, für den unhörbaren und unerbittlichen Schritt der Zeit. Allenfalls, wenn die kalten Rechentafeln der Renten- und Lebensversicherer ins Blickfeld treten, dazu die Qual der finalen Monate, wird der Ernst des Lebens deutlich, der doch vom Moment eins an Altern und Sterben umschließt.

Gibt es Abhilfe? Sie kommt nicht aus den haushaltspolitischen Verteilungskämpfen, wo Kinder keine Stimme haben und Leute mit vielen Kindern eher als Problemfall auftreten denn als Inbegriff neuen Lebens. Sie kommt aus der Erinnerung, was Lebenserfüllung bedeutet, und an das, was einmal ohne Ironie Kindersegen hieß und jene Zuwendung schafft, die im Verströmen sich vermehrt. Sie kommt aber auch aus der unentrinnbaren Gewissheit, dass eines Tages Einsamkeit unter Silberhaar winkt, wenn es an Kindern und Enkeln gebricht, die niemals geboren wurden. Die Kinder, die vor vielen Jahren weggewünscht wurden, können niemals kommen und dem Alter Trost bringen. Zu spät. Die große deutsch-amerikanische Professorin Ruth Westheimer, Lebens- und Liebesberaterin der Amerikaner, sagte unlängst im Interview mit "Die Welt": "Hitler wollte nicht, dass ich lebe. Jetzt habe ich zwei Kinder, die besten der Welt. Und bestimmt die besten Enkel der Welt. Vier! Das ist Glück."

Ich hatte unlängst die Ehre, zum 65. Geburtstag eines großen Museumsdirektors zu sprechen. Der hatte die Römer zitiert mit ihrem "tempus fugit" - die Zeit flieht - und stellte fest, es sei nicht schön, 65 zu werden. Er gab mir damit das Stichwort: "Denken Sie an die Alternative." Die Geburt des ersten Kindes birgt die Erkenntnis, dass es nun mit der Jugend vorbei ist, die des ersten Enkels die Gewissheit, dass das Alter begonnen hat. Aber sind es nicht gerade Kinder und Enkelkinder, die die Botschaft tragen, dass das Leben weiter geht, heute und morgen und übermorgen?

Bundespräsident Wulff sucht bis heute nach einem Leitmotiv, das mit ihm unverwechselbar verbunden wäre. Dabei ist er doch der Erste, der mit seiner jungen Frau im Schloss Bellevue eine Kinderecke hat einrichten lassen. Das größte aller Themen, ob im Seelenhaushalt der Deutschen oder in der Sozialversicherung, hat er damit, wenn er genug gereist ist, jeden Tag vor Augen.

Morgenpost-Autor Michael Stürmer ist Historiker. Er war Professor an der Universität Erlangen, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik und Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl.

"Es ist der Sinn für die Flüchtigkeit des Daseins abhanden gekommen"
http://www.morgenpost.de/familie/article1696993/Das-Glueck-des-Lebens.html

(Quelle: Berliner Morgenpost)

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