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Aktuelles

Das Feuer müssen Jugendliche gezähmt haben - Eltern sollten sich mehr auf die Natur verlassen

Eltern sollten sich mehr auf die Natur verlassen

Immer neue Theorien erklären, was Kinder angeblich brauchen – und was Eltern falsch machen. Dabei müssen wir uns nur auf die Evolutionsgeschichte besinnen.
In der Erziehung herrscht Alarmstimmung. Tyrannen sind in aller Munde. Bei den Kindern sollen es die „Grenzen“ richten, den Eltern wird ein Elternführerschein empfohlen. Beides greift zu kurz. Wenn wir Lösungen finden wollen, müssen wir in die Vergangenheit schauen – mitten hinein in die Menschheitsgeschichte.

Kinder entwickeln sich nicht einfach aus sich heraus, sie können ihre Potenziale nur entfalten, wenn die Umwelt stimmt.

Denn die in der Evolution aufgezogene Uhr tickt noch immer. Und wie! Die Kampfzone der frühen Kindheit läuft mitten durch das Schlafzimmer. Die Kleinen wollen nicht alleine schlafen, auch in den besten Familien nicht. Da sind gute Ratschläge wohlfeil: „kontrolliertes“ Schreienlassen, mehr Regeln, mehr Regelmäßigkeit.

Von pflegeleichten Süßen zu rabiaten Oppositionellen

Wirklich erfolgreich scheinen die Tipps nicht zu sein – kinderärztliche Schlafambulanzen werden inzwischen schon in Kleinstädten gegründet. Dabei sollten gerade Kinder, die ja mit voller Kraft wachsen müssen, das Schlafen doch draufhaben. Warum ist dem nicht so?

Und dann gehen sie sogar auf ihre Eltern los. Ich rede von der berüchtigten „Trotz“-Phase. Spätestens mit zwei werden aus den pflegeleichten Süßen rabiate Oppositionelle – egal ob sie einen Pastor zum Vater haben oder einen Holzfäller.

Wollen die Kleinen jetzt die Macht im Laden übernehmen? Und schließlich die Pubertät. Nicht wenige Eltern glauben, bei den ersten Pickeln ihrer Kinder den Schwefelgeruch des Fegefeuers zu riechen. Und das kommt nicht von ungefähr.

Von Generation zu Generation eingeschliffen

Komasaufen, Schulversagen und Pöbeleien in der U-Bahn sind keine Erfindungen konservativer Bedenkenträger. Die Hirnforschung hat sogar entdeckt, dass bei Jugendlichen wichtige Teile des Frontalhirns noch komplett fehlen. Bekommen wir von der Natur defekten Nachwuchs geliefert?

Hinter diesen Problemen stehen nicht die Eltern – sie wollen ihren Kindern heute genauso gute Eltern sein wie früher. Und auch die Kinder sind nicht schuld, sie tun ihr Allerbestes. Das Dilemma liegt tiefer: Wie sich Kinder entwickeln, hat sich in der Menschheitsgeschichte eingeschliffen, von Generation zu Generation.

Das Muster, nach dem sie groß werden, hat sich als Antwort auf die Herausforderungen gebildet, vor denen die Kinder in der Geschichte immer wieder standen. Das ist das Prinzip der Evolution. Es gilt noch heute. Kinder brauchen heute das gleiche Maß an Bewegung, um gesund zu bleiben, wie vor Tausenden von Jahren.

Dieses Erbe ist Fluch und Segen zugleich

Sie brauchen dieselben Zutaten, um ihr Urvertrauen auszubilden, und sie entwickeln ihre Empathie, ihre soziale Kompetenz und ihr „Rückgrat“ nicht anders als Kinder früherer Generationen. Dieses Erbe ist Fluch und Segen zugleich.

Wer auf ein solches, im evolutionären Rütteltest aufgeschüttetes Fundament baut, ist kein Blatt im Wind, und ein unbeschriebenes Blatt schon gar nicht. Ein solches Kind ist zu 100 Prozent bereit, die Kurve ins Erwachsenenleben zu nehmen. Es ist „vorbereitet“.

Allerdings – und hier kommt der Fluch ins Spiel –, die „Vorbereitung“ bezieht sich auf eine Welt, die in großen Teilen untergegangen ist. Welchen Sinn machen etwa die vielen hungrigen Fettzellen, wenn Kinder immer in der Nähe eines gut gefüllten Kühlschranks aufwachsen?

Kindern das zu geben, was sie brauchen, ist kein Fehler

Oder nehmen wir noch mal das Schlafen. Früher wäre ein Kind, das gerne für sich unter den viel besungenen Sternlein am Himmel eingeschlafen wäre, ein totes Kind gewesen. Es wäre von Hyänen verschleppt, von Nagetieren angeknabbert oder bei einem nächtlichen Temperatursturz unterkühlt worden.

Kein Wunder, dass es leckere kleine Geschöpfe zum Schlafen dicht zu einem vertrauten Erwachsenen zieht. Das schreibt uns nicht vor, wie wir es heute mit dem Kinderschlaf halten müssen, aber wir sollten nicht diesen peinlichen Hokuspokus um den Schlaf veranstalten.

Weder werden Babys schneller selbstständig, wenn sie alleine schlafen, noch werden sie dadurch verwöhnt, dass sie bei ihrer Mutter schlafen. Kindern das zu geben, was ihnen bis in die allerjüngste Geschichte überhaupt erst das Überleben ermöglichte, ist kein Erziehungsfehler.

Das „defekte“ Gehirn der Teenager? Gemach!

Und so ist es auch mit ihren anderen rätselhaften Verhaltensweisen, die uns oft Anlass für Falten auf der Stirn oder gar erzieherische Großmanöver geben: mit dem Fremdeln, mit ihrem Aber gegen Gemüse, ja sogar mit der Trotzphase. Dieses Kleingedruckte der Entwicklung ist keine Willkür – es ist eine Auswahl dessen, was einmal funktioniert hat.

Wir sollten diese Tiefenstruktur der kindlichen Entwicklung endlich ernst nehmen. Nicht weil uns das einen Generalschlüssel für die Erziehung in die Hand gäbe, den gibt es nicht. Sondern weil wir unseren Kindern dann keine Unterstellungen machen müssen, keine falschen Vorwürfe – und damit eine bessere Basis haben für ein gesundes Miteinander.

Aber die Krisen der Pubertät? Das „defekte“ Gehirn der Teenager? Gemach! Wenn die Pubertät wirklich eine Form des Wahnsinns wäre – wie haben diese Wahnsinnigen es dann geschafft, unsere Vorfahren zu werden? Tatsächlich zeichnen sich Jugendliche durch Spezialisierungen aus, die menschliche Gesellschaften schon immer gut gebrauchen konnten.

Das Feuer müssen Jugendliche gezähmt haben

Niemand kann neue Techniken schneller „erlernen“ als Heranwachsende. Und niemand ist robuster, kreativer und begeisterungsfähiger. Evolutionsbiologen sind sich deshalb einig: Es müssen Jugendliche gewesen sein, die das Feuer gezähmt haben!

Warum fährt unser Nachwuchs mit seinen Stärken und Talenten dann heute so oft gegen die Wand? Damit sind wir beim entscheidenden Punkt. Wer Kinder von ihren evolutionären Wurzeln her versteht, landet automatisch bei einer Frage, die wir heute zwar für Legehennen stellen, für Kinder aber viel zu lange vernachlässigt haben: unter welchen Bedingungen Menschenkinder wirklich gedeihen können.

Denn Kinder entwickeln sich nicht einfach aus sich heraus, sie können ihre Potenziale nur entfalten, wenn die Umwelt stimmt. Statt immer nur mit einem langen Finger auf die Eltern zu zeigen, sollten wir lieber gemeinsam einen Rundgang durch das „Dorf“ machen, in dem unsere Kinder heute aufwachsen.

Es fehlt das Maß

Aus Sicht der Evolution fehlen da Dinge, ohne die Menschenkinder noch nie gedeihen konnten: die Helfer etwa, die den Eltern zur Seite stehen – Kinder und Eltern brauchen ihren „Stamm“. Es fehlt das eigene Spiel unter Kindern – nur auf Augenhöhe unter ihresgleichen werden Kinder sozial kompetent. Und vor allem: Es fehlt das Maß.

Eine Generation, die zunehmend in den besten Lebensjahren mit Burnout zu kämpfen hat, entwirft für ihre eigenen Kinder einen Lebensweg mit noch mehr Tempo, noch mehr Leistung, noch mehr „Förderung“. Und sorgt so dafür, dass auch der nächsten Generation die Zeit und die Kraft fehlen, um für Kinder zu sorgen. Es ist an der Zeit, dass wir den Evolutionsalarm ernst nehmen.

Der Autor ist Kinderarzt und Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health. Von ihm erschien gerade „Menschen-Kinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung“ (Kösel-Verlag).

(Quelle: WELT ONLINE, 28.01.2012, Autor: Herbert Renz-Polster)

 

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article13838803/Eltern-sollten-sich-mehr-auf-die-Natur-verlassen.html

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