19.11.2017
Besucher Gesamt
Online:
2
Besucher heute:
20
Besucher gesamt:
122.401
Zugriffe heute:
22
Zugriffe gesamt:
288.078
Besucher pro Tag: Ø
52
Zählung seit:
 22.05.2011

Aktuelles

Der bayerische Raubtier-Kapitalismus ist Finanz-Alltag

Bayern-München-EffektDer bayerische Raubtier-Kapitalismus ist Finanz-Alltag

Donnerstag, 23.05.2013, 10:25 · von FOCUS-Online-Gastautor
dpa Wenn die Bayern jubeln, so wie hier Ribery (l.) und Shaqiri beim Heimspiel gegen Augsburg, gibt es für andere Vereine wenig zu lachen
Im Finanzmarktkapitalismus herrscht das Bayern-München-Prinzip: Wer das meiste Geld hat, wird noch reicher – insbesondere, wenn es gelingt, Rivalen zu schwächen. Durch überhöhte Transferangebote für Stars werden andere ihrer Erfolgschancen beraubt.
Im modernen Finanzmarktkapitalismus herrscht das Bayern-München-Prinzip: Wer das meiste Geld hat, wird noch reicher, insbesondere dann, wenn es ihm gelingt, seine ärgsten Rivalen nachhaltig zu schwächen. „Ein Kapitalist schlägt viele andere tot“, hat Marx süffisant bemerkt.

Heute kauft ihnen der marktbeherrschende Branchenprimus einfach die Leistungsträger weg. Der rücksichtslose Umgang mit Konkurrenten ist ein Spiegelbild des Spekulationskapitalismus: Durch überhöhte Transferangebote für Topstars, die vor allem bei deren Beratern und zwielichtigen Spielervermittlern für Champagnerlaune sorgen, werden Vereine wie Borussia Dortmund ihrer Erfolgschancen beraubt. Nur im Ausnahmefall greift man zu illegalen Mitteln, um seinem (Spiel-)Glück nachzuhelfen und noch mehr Reichtum anzuhäufen – Beispiel: Uli Hoeneß.

Steuerpolitische Fehlentscheidungen aller Regierungen stehen am Pranger

Nicht prominente Steuerhinterzieher wie der Bayern-Präsident, die zu Recht am Pranger stehen, sind jedoch das Kardinalproblem, vielmehr steuerpolitische Fehlentscheidungen aller Regierungen seit der Vereinigung.

Beispiel Vermögensteuer: Sie wird auf Beschluss der Regierung Kohl seit 1997 nicht mehr erhoben, steht aber weiter im Grundgesetz.

Beispiel Einkommensteuer: Die rot-grüne Bundesregierung hat den Eingangssteuersatz um 10,9 Punkte (von 25,9 auf 15 Prozent) und den Spitzensteuersatz sogar um 11 Punkte (von 53 auf 42 Prozent) gesenkt. In absoluten Geldbeträgen fiel die steuerliche Entlastung der höchsten Einkommensgruppen natürlich sehr viel stärker aus als die der Gering- und Normalverdiener.

Beispiel Körperschaftsteuer: Hatte deren Steuersatz für Kapitalgesellschaften zur Regierungszeit von Helmut Kohl noch 53 Prozent betragen, reformierten ihn dessen Nachfolger schrittweise auf 15 Prozent herunter.

Beispiel Kapitalertragssteuer: Diese von der Großen Koalition eingeführte Abgeltungsteuer auf Dividenden, Kursgewinne aus Aktien- bzw. Fondsanteilskäufen und Zinsen beträgt unabhängig vom persönlichen Einkommensteuersatz des Bürgers pauschal 25 Prozent. Folglich werden Arbeitnehmer und Bezieher von Kapitaleinkünften unterschiedlich behandelt: Nur die Ersteren unterliegen noch der Steuerprogression.

Beispiel Erbschaftsteuer: Nach einer Reform durch die Große und die ihr folgende CDU/CSU/FDP-Koalition kann man als Kind eines reichen Familienunternehmers einen ganzen Konzern erben, ohne auch nur einen Cent betriebliche Erbschaftsteuer zahlen zu müssen, wenn man ihn fünf Jahre fortführt und die Summe der an die Belegschaft gezahlten Bruttolohnsumme während dieser Behaltensfrist nicht unter das Vierfache der Ausgangslohnsumme fällt.

Brot und Spiele in der Eventgesellschaft

In demselben Maße, wie Sport, Spiel und (Freizeit-)Spaß zum profitträchtigen Spektakel avan­cie­ren, mutieren traditionsreiche Fußballvereine zu Kapitalgesellschaften, deren Anteilsscheine entweder an der Börse gehandelt werden und breit gestreut sind (Borussia Dortmund) oder teilweise Großkonzernen gehören, die wiederum ihre Spitzenmanager in den Aufsichtsrat entsenden (Bayern München).

Der Rheinische bzw. Ruhrgebietskapitalismus, zu dem sich BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke (Jahressalär: 2 Millionen Euro) bekennt, und der Schweinische Kapitalismus bayerischer bzw. fränkischer Wurstfabrikanten unterscheiden sich freilich nur minimal: Hier wie dort werden die sozial Benachteiligten nach altrömischem Muster mit „Brot und Spielen“ ruhig gestellt.

Fußball gegen die Alltags-Tristesse einer Region

Das funktioniert im Ruhrgebiet, dem neuen Armenhaus der Republik, besonders effektiv: Borussia Dortmund  und Schalke 04 erfüllen die heimischen Massen mit (Lokal-)Stolz und lenken sie von ihren finanziellen Sorgen und Nöten ab. Hoffnungs- bzw. Perspektivlosigkeit wird in Enthusiasmus für den „eigenen“ Fußballverein transformiert, der viele Menschen über die Alltags-Tristesse einer Region im Niedergang hinwegtröstet, obwohl die höchstdotierten Profis der Reviervereine zusammen mit Werbeeinnahmen oft 1000-mal so viel wie manche ihrer prekär beschäftigten Fans verdienen.

Was neoliberale Ökonomen als „Trickle-down-Effekt“ und ihre Kritiker als „Pferdeäpfel-Theorie“ bezeichnen, läuft auf eine Stärkung der Starken zu Ungunsten der Schwachen hinaus: Demnach muss man, um den Spatzen etwas Gutes zu tun, die Vierbeiner mit dem besten Hafer füttern, damit die Spatzen dessen Körner aus ihrem Kot herauspicken können. Es ist jedoch absurd zu glauben, dass sich die Armut verringert, wenn man den Reichtum fördert.

Gesellschaft spaltet sich, Städte zerfallen

Beide sind vielmehr zwei Seiten einer Medaille: Wenn zahllose Geringverdiener unter dem Druck der Finanzkrise ihre Girokonten überziehen und hohe Dispozinsen zahlen müssen, werden diejenigen noch reicher, denen die Banken gehören. Und wenn noch mehr Familien aus demselben Grund beim Lebensmittel-Discounter einkaufen, werden die Eigentümer von Ketten wie Aldi Nord und Aldi Süd, die ohnehin zu den vermögendsten Deutschen gehören, noch reicher. Die demografische Entwicklung unterstützt diesen Trend: Sofern die Geburtenrate weiter sinkt und die Zahl der Kinder pro Elternpaar dauerhaft abnimmt, konzentriert sich das Privatvermögen auf immer weniger Familienmitglieder, die tendenziell mehr erben als früher.

Werden die Reichen immer reicher und die Armen zur selben Zeit noch zahlreicher, spaltet sich die Gesellschaft und zerfallen die Städte. Gleichzeitig wird auch gut situierten Mittelschichtangehörigen bewusst, dass es sich bei der „Sozialen Marktwirtschaft“ mit Aufstiegschancen für alle um einen Mythos aus dem Frühstadium der Bundesrepublik handelt und dass dieser Begriff nur ein Kosename für den heutigen Kasinokapitalismus ist. Da die Wirtschaftseliten ihre Spitzenmanager auf geradezu inzestuöse Weise aus ihrem eigenen Herkunftsmilieu rekrutieren, bilden sie ebenso wie die beiden Renommierklubs der Fußball-Bundesliga längst eine geschlossene Gesellschaft.

Ligakrösus verhöhnt die sportlich wie ökonomisch Unterlegenen

Während sich der Ligakrösus immer mehr über den Leistungsdurchschnitt erhebt, werden die sportlich wie ökonomisch Unterlegenen verhöhnt, indem Führungskräfte des FC Bayern München über die Unausgewogenheit der Bundesliga lamentieren. Falls die Bayern das Triple gewinnen, also nach der Meisterschaft auch die Champions League und den DFB-Pokal, gleicht die Glitzerwelt des Fußballs endgültig einer „Winner-take-all-society“ (Robert Frank/Philip Cook), also einer Gesellschaft, in welcher der Sieger alles bekommt.
Typisch dafür ist beispielsweise die Tatsache, dass Lottogewinne, die aufgrund des Jackpot-Prinzips astronomische Höhen von 50 Mio. Euro erreichen, zumindest hierzulande nicht versteuert werden müssen, obwohl damit „anstrengungsloser Wohlstand“ (Guido Westerwelle mit Blick auf Hartz-IV-Bezieher) einhergeht und sich nach regierungsoffizieller Darstellung eigentlich nur Leistung lohnen soll.
Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Er ist in Dortmund aufgewachsen und seither bekennender BVB-Anhänger. Seine jüngsten Buchveröffentlichungen: „Armut in einem reichen Land“, „Krise und Zukunft des Sozialstaates“ und „Armut im Alter“.

Zurück